— 12.08.2026
Woher kommt die Annahme, dass wir nach dem Tod in etwas Fremdes zurückkehren? Ist das möglicherweise nicht derselbe Zustand, aus dem wir überhaupt erst hervorgegangen sind?
Als weitgehend säkular aufgewachsener Mensch habe ich mich seit meiner Kindheit viele Jahre mit der Frage beschäftigt, was mit uns geschieht, wenn wir sterben. Hinter dieser Frage stand letztlich die Angst vor dem Verlust des eigenen Selbst. Lange erschien mir der Tod als das endgültige Gegenstück zum Leben, als die scharfe Grenze zwischen Existenz und Nichtexistenz.
Erst ein halbes Leben später begann ich zu erkennen, dass diese Angst möglicherweise auf einer unausgesprochenen Annahme beruht: der Vorstellung, wir seien klar abgegrenzte und weitgehend unabhängige Individuen. Je mehr ich mich mit dieser Sichtweise beschäftige, desto weniger selbstverständlich erscheint sie mir. Vielleicht ist die Grenze zwischen Leben und Tod ebenso unscharf wie die Grenze zwischen “Ich” und “Nicht-Ich”.
Die Frage, was es bedeutet zu leben oder tot zu sein, erscheint auf den ersten Blick selbstverständlich. Bei näherer Betrachtung wird die Grenze jedoch unscharf. Leben ist kein Stoff, den ein Organismus besitzt, sondern ein dynamischer Zustand fortwährender Selbstorganisation. Bewusstsein, Stoffwechsel, Immunfunktion und die Zusammenarbeit mit unzähligen Mikroorganismen sind Ausdruck dieser Ordnung.
In diesem Sinne beginnt mit der ersten Zellteilung derselbe Prozess, aus dem Wachstum, Reife, Alterung und schließlich Tod hervorgehen. Geburt und Tod markieren dabei nicht den Anfang und das Ende von Existenz, sondern die Entstehung und Auflösung einer besonderen biologischen Ordnung.
Wenn diese einst entstandene, wundersame Ordnung zerfällt, verschwindet nicht ihre Substanz. Moleküle, Mikroorganismen und viele Zellen bestehen weiter. Was endet, ist die Koordination, die sie vorübergehend zu einem lebendigen Wesen zusammengeführt hat.
Was wir als Bewusstsein, Persönlichkeit und “Ich” erleben, kann als die subjektive Erfahrung dieses außergewöhnlichen Zustands verstanden werden. Wenn diese Organisation endet, tritt die Welt nicht in einen neuen Zustand ein. Eine vorübergehende Ordnung löst sich auf und geht in denselben fortwährenden Prozess von Wandel, Austausch und Neuordnung über, aus dem sie einst hervorgegangen ist.